
Wir lassen uns also von unseren Mopedfahrern von Tempel zu Tempel chauffieren: Angkor Thom (Bayon, Elefantenterasse, Tep Pranam, Phimeanakas, Baphuon), Ta Prohm, …. . Jeder ist richtig, richtig beeindruckend und keiner wie der andere. Am besten gefaellt mit Ta Prohm, der noch (fast) im natuerlich vorgefundenen Zustand belassen wurde, das heisst er ist voellig mit Dschungel ueberwachsen und riesige Wurzeln vereinen sich mit uraltem Mauerwerk. Bizzarerweise kann ich allerdings erst jetzt die ueberwaeltigende Schoenheit all dieser Tempel beim Betrachten der Bilder so richtig erfassen und geniessen.

Und das hat folgenden Grund: Wann immer wir vom Moped absteigen und auf einen Tempel zugehen, an einem der vielen Strassenstaende vorbeikommen, wieder aufs Moped aufsteigen wollen oder einfach nur durch die Gegend laufen werden wir von Menschenscharen umringt, die uns cool drink, ten postcards, good flute oder sonst irgendwas fuer only one dollaah verkaufen wollen. „Umringt“ ist vielleicht das falsche Wort, eigentlich ist es eher ein „ATTACKEEEE!!!“. Und es ist so ueberhaupt nicht lustig, die meisten sind naemlich kleine Kinder ab Alter 2. Alle starren vor Dreck und sehen voellig elend aus. Zeitweise starren uns circa 40 erwartungsvolle Kinderaugen an, ruetteln an unseren Aermeln und betteln um die Wette.

Ich fuehle mich wie ein lebender Geldautomat und habe das Gefuehl, dass weisse Haut mit unvorstellbarem Reichtum gleichgesetzt wird. Das Schlimme: aus Sicht dieser Menschen sind wir wohl unvorstellbar reich. Aber uns kostet dieser „Urlaub“ mehr als ein kambodschanisches Durschnittsjahres(!)gehalt – pro Person! – und auch unsere Mittel sind begrenzt. (Wo wir wieder beim alten Thema waeren…) Tine fragt ihren Fahrer nach den Kindern und der erklärt, dass wir uns wirklich keine Sorgen machen braeuchten, die wuerden vormittags alle zur Schule gehen und sind vergleichsweise wohlhabend, denn schliesslich haetten sie ja noch was zu verkaufen, und wenn’s nur ein paar Postkarten oder Fruechte sind. Die auf dem Land, die waeren richtig arm, die haetten naemlich nicht mal was zu verkaufen.
Nach 9 Stunden Tempelbesichtigung sind wir um 14h nervlich und körperlich fix und fertig und legen uns auf einem majestätischen Plätzchen im letzten Tempel schlafen und fahren dann zurueck zum Hotel. Gerade noch rechtzeitig, um auf dem Moped wieder vom Regen durchgepeitscht zu werden. Auf dem Weg ueberholen wir drei Bauern auf Mopeds, die jeweils ein komplettes Schwein mit Bananenblaettern zugedeckt quer auf dem Ruecksitz liegen haben.
Abends beim Essen ueberlegen wir, was denn unsere schlimmsten Kindheitserinnerungen waren. Ausser Unfug, der im Grunde –wie uns jetzt bewusst ist- voellige Lappalien war und bei dem wir dummerweise erwischt wurden (und den ich hier trotzdem nicht erzaehle :D), ist uns nichts eingefallen.

Am naechsten Morgen fahren wir mit dem Bus die 6 Stunden nach Phnom Penh, der Hauptstadt. Natuerlich werden wir auch beim Einsteigen wieder belagert von etlichen Menschen jeglichen Alters, diesmal um Proviant zu kaufen. Als alle schon eingestiegen sind, steigt noch eine weisse Familie zu und zwaengt sich durch die Massen. Beim Anblick der zwei blonden unschuldigen Kinder mit ihren Teddybaeren neben den kambodschanischen Kinderveraeufern prallen zwei Welten aufeinander.
Die Fahrt ist richtig schoen und macht wieder Lust aufs Land.

Die Landschaft ist ueberall richtig gruen, duerre Kuehe und Ochsen weiden neben Reisfeldern und die meisten Huetten stehen auf Stelzen und sind strohgedeckt. Vielleicht haette ich doch Lust, dort eine Weile zu bleiben. Auf einem Rastplatz werden wir wieder von Frauen belagert, die Essen verkaufen wollen. Sie tragen es auf ihrem Kopf umher und bei naeherem Hinsehen sehen wir auch, was es ist: geroestete Kaefer, die aehnlich Kakerlaken mit Stachel aussehen, Wuermer (oder Maden??) und riesige Vogelspinnen. Na guten Appetit.

Die Frau vor uns im Bus hat uns einen von den Kakerlaken-mit-Stachel-aehnlichen Kaefer angeboten und ich habe todesmutig zugebissen. (Tine hat das Beweisvideo) Nach dem ersten Schock schmeckt es eigentlich ganz gut, halt nussig und ein wenig oelig. Aber danach krabbelt es im Bauch, wuaaaah.
Hier hoert der erste Teil der Reise auf, waehrend der Werbepause hier die neuesten Nachrichten vom Deutschen Auswaertigen Amt zum Thema Reisen in Kambodscha:Landesspezifische Sicherheitshinweise
In Kambodscha besteht für Reisende eine erhöhte Gefahr, Opfer von Raub oder Diebstahl zu werden. Hotels sollten nach Einbruch der Dunkelheit nur mit dem Auto, nicht aber zu Fuß verlassen werden. Von Fahrten mit dem Fahrrad oder mit dem Motorrad ist aus Gründen der Verkehrssicherheit abzuraten.
Alle Reisen auf dem Landweg sollten nach Möglichkeit so geplant werden, dass das Ziel mit Sicherheit vor Einbruch der Dunkelheit erreicht werden kann.
In einigen Landesteilen, insbesondere in Grenznähe, besteht weiterhin Minengefahr.
Die Infrastruktur ist unzureichend ausgebaut. Busse, Eisenbahn und Boote entsprechen – von Ausnahmen abgesehen – nicht den üblichen Sicherheitsstandards.
Werbungsende. (Wie immer wird in der Werbung etwas uebertrieben.;))In Phnom Penh angekommen werden wir beim Aussteigen wieder von Unmengen an Taxifahrern (=Moped, Autotaxi gibt’s da nicht), Tuktukfahrern, Rikschafahrern, Guesthousebesitzern und sonstigen Menschen belagert, begraptscht und in die Enge gedraengt. Irgendwann will man nur noch schreien. Gott sei Dank stand von der Buszentrale organisiert schon ein Tuktukfahrer mit einem „Welcome Christine & Laur“ ;) Schild bereit. Der totale Lichtblick! Der Fahrer ist supernett und kann wie fast alle Kambodschaner super Englisch. Das ist der Konflikt, in dem wir uns staendig befinden. Ich glaube, dass die Kambodschaner im Herzen ein sehr offenes und lebensfrohes Volk sind. Aber ihre Geschichte hat es nicht sehr gut mit ihnen gemeint. Im Lauf unseres Aufenthalts werden wir oft angesprochen und gefragt, wo wir herkommen, was wir machen – auf eine sehr nette Art und Weise. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Menschen nicht deshalb um die Touristen und vermeintlich Reichen reißen, um ihnen das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Hier wird der taegliche Kampf des Ueberlebens gekaempft. Und das ist der Punkt, der uns zu schaffen macht.
Weil der Fahrer so nett ist, lassen wir uns von ihm durch die Stadt fahren, obwohl wir eigentlich auch haetten laufen koennen. Phnom Penh selbst ist nicht sehr gross und kommt uns eher wie ein grosses Dorf vor. Verglichen mit Bangkok eher wie eine Siedlung. Viele Strassen sind nicht geteert

und es ist ein bisschen wie im Mittelalter, als es fuer jede Zunft noch ein eigenes Viertel gab. Es gibt Strassen, in denen eine Tankstelle neben der anderen steht, auf der anderen Seite ist ein Friseurstand neben dem naechsten. Eine Tankstelle besteht aus einem Benzinfass oder einem Staender mit mit Benzin gefuellten Flaschen, ein Friseursalon aus einem Stuhl, einem Minispiegel, ein paar Utensilien und einem Sonnenschirm auf dem Gehweg. Abends ist der Buergersteig voll mit schwarzen Haaren (und evt. Laeusen).
Wir gehen zum Wat Phnom, dem Stadttempel (naja, ganz nett), der auf dem einzigen Huegel liegt und dann durch den Park drum herum. Wir finden ein Plaetzchen, wo wir einfach nicht beachtet werden. Gott, wie schoen! Eine Frau setzt sich uns gegenueber und bedeutet uns per Zeichensprache, dass sie unsere Haut so schoen findet und dass sie bestimmt gut riecht. Ich beschwere mich bei Tine, dass die Frau meine Haut als heller bezeichnet, Tine beschwert sich bei mir, dass sie ihre Hautfarbe als nicht ganz so huebsch deutet. Dann sind wir beide zufrieden :D Und freuen uns vor allem, dass wir ganz normal und ohne Verkaufsabsichten kommunizieren konnten. Wir winken zum Abschied und fahren weiter zum Nationalmuseum. Natuerlich werden wir auch dort von hungrigen Kindern mit kleinen Geschwistern auf den Armen empfangen. Das Museum selbst ist richtig schoen und zeigt vor allem Statuen der alten Khmer. Vor jeder Buddhastatue drueckt uns jemand Blumen in die Hand, die wir nicht annehmen wollen aber muessen und niederlegen. Dass wir dafuer nicht zahlen wird ein wenig miss gebilligt. Im Innenhof setze ich mich auf eine Bank und werde von einem jungen Moench in ein Gespraech verwickelt, der mit seinen Schuelern unterwegs ist und bald zum weiteren Studium nach Bangkok kommen will. Er sagt, dass seine Schueler Englisch lernen muessen, also versuche ich mit ihnen zu reden. Wenn sie antworten wollen, kommt er aber immer zuvor. Ich habe mal wieder die Rangordnung verletzt, wenigstens habe ich ihn nicht angefasst. Zum Abschied gibt er uns seine eMail-Adresse (jaha!) und erwartet, dass wir sofort an einen PC stuerzen und ihm eine Mail schreiben.
Auf dem Rueckweg finden wir eine Baeckerei, mit richtigem Kuchen und leckeren Sandwichs. Ungeahnter Luxus! Das ist das beste, was die Franzosen hier hinterlassen haben. Ueberall gibt es kleine Baguetteverkaeufer und fast wuenschen wir uns etwas selbstsuechtig, dass die Franzosen auch in Thailand einen laengeren Halt haetten einlegen sollen.
Im Dunkeln gehen wir zurueck zum Hotel und treffen einen Australier, dessen Tasche gestohlen wurde und der nun ohne Geld auf der Strasse sitzt. Der Arme ist der Verzweiflung nahe. Wir geben ihm ein paar Dollar, damit er sich was zu essen kaufen und nach Hause telefonieren kann. Uns wundert eigentlich gar nichts mehr.
Der Weg fuehrt ueber einen Markt, der nachts voll Abfall, Gestank und komischen Gestalten ist und wir sind froh, als wir endlich in unserem Hotel der gehobenen Klasse angekommen sind, in dem der Stuck von der Baddecke runterfault.

Am naechsten Tag machen wir uns zu Fuss auf den Weg und laufen ueber den erwaehnten Lebensmittelmarkt. So sehr ich die Maerkte Bangkoks liebe, so sehr muss ich mich hier zusammenreissen alles sehr objektiv zu betrachten, damit mir nicht schlecht wird. Bei 40Grad im Schatten haengt Fleisch ungekuehlt in der Sonne rum, liegen Muscheln offen in Bastkoerben rum, liegt Kaese offen rum und werden rohe Eier gehandelt. Es stinkt ganz schoen. Zusaetzlich zu dem muffeligen Geruch, der wohl ueber ganz Kambodscha zu liegen scheint, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dass die Kleider nach dem Waschen einfach nicht trocknen und anfangen zu muffeln. Wenn sie denn gewaschen werden koennen. Die schoen geordneten Obst- und Gemuesepyramiden machen es in der engen Gasse leider auch nicht wett.
Wir laufen zum Royal Palace, von dem wir mehr als angetan sind. Es gibt also doch noch weitere richtig spektakulaere Bauten in Kambodscha. Ich wuerde sogar fast sagen, dass mir der Royal Palace noch besser gefallen hat als der Grand Palace in Bangkok.
Beim Essen im Pink Elephant durften wir dann mal wieder eine etwas laengere Diskussion mit einem kleinen Jungen fuehren, ob wir nun eines seiner kopierten Buecher kaufen oder nicht. Kopierte Buecher kann man ueberall erstehen: in den Koerben von kleinen Kindern, auf den Decken von Muettern und selbst im richtigen Laden.
Danach laufen wir Richtung Tuol Sleng Museum, auch bekannt unter S-21, eine alte Highschool, die unter dem Pol Pot Regime zum Gefaengnis umgebaut wurde und in dem von 1975 bis 1978 mehr als 17000 Gefangene gehalten wurden, von denen genau 7 ueberlebten.
Auf dem etwas laengeren Fussmarsch dorthin erleben wir wieder ein anderes Gesicht von Phnom Penh, erst das Diplomatenviertel und dann „recht normale“ Wohngegend. Aber was ist hier schon normal?! Zum Tuol Sleng selbst moechte ich nichts schreiben. Ich erzaehle gerne auf Nachfrage, aber das gehoert zu den Erfahrungen, die man selbst machen sollte. Die Grausamkeit, die dahinter steht, ist unbegreiflich und es hat mich etwas an Auschwitz erinnert.

Wir fahren mit dem Tuktuk zurueck und laufen die letzten Meter zum Hotel, wo auch schon unser Fahrer zum Flughafen wartet. Die letzte halbe Stunde durch Phnom Penh und den Staub. Der Flug dauert nur eine Stunde und wir sind ruckzuck wieder in Bangkok. Als ich das letzte Mal am Bangkoker Flughafen angekommen bin, ist mir ein Hitzetsunami ins Gesicht geschleudert, diesmal umfaengt mich wohlige Waerme. So schnell aendern sich die Dinge… ;)
Erst als wir im Taxi sitzen, uns durch das Verkehrschaos quaelen, die streunenden Hunde sehen, die Staende am Strassenrand und die vertrauten Strassen langfahren, merken wir, wie sehr wir uns hier wohl fuehlen. Bangkok heisst uns willkommen zurueck in der Zivilisation und zu Hause und erst da wird uns so richtig bewusst, wie krass Kambodscha war.
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Ich bin uebrigens froh Maschinenbau zu studieren und nicht Journalismus. Wollte ich nur mal anmerken. Und falls ihr euch fragt, warum ich dann so viel schreibe und vor allem woher ich die Zeit nehme so viel zu schreiben: Kambodscha hat mir nicht nur viele Erfahrungen und Fotos geschenkt, sondern auch gleich noch eine Magenentzündung mit 38,9 Fieber hinterhergeschickt. Zumindest glaubt das der Arzt, der obligatorische Bluttest wird dann morgen noch nachgeliefert. Meine Kollegen haben sich ruehrend um mich gekuemmert und mein Chef hat mir bis zum Test verboten zur Arbeit zu kommen, damit ich mich auf jeden Fall auskuriere. Was ich auch supernett finde (danke!). Aber mir geht es schon laengst wieder besser und hinsichtlich Spannungsfaktor waere ich viel lieber ins Buero, hier ist mir trotz extra geschickten Spiegel-Ausgaben (noch mal danke!), Buechern und Fernseher stinklangweilig. Morgen wieder, juhu!
Mein Kambodscha-Fazit
Aaaaalso: Ich wuerde es niemandem empfehlen und ich wuerde niemanden abhalten, der hin will. Ich selbst hab jetzt erstmal genug von dem Land, was ich aber durchaus mit meiner Krankheit in Verbindung bringe. Dabei moechte ich aber betonen, dass ich mich niemals um mein Leben gefuerchtet habe. Ich bin froh, die Erfahrung gemacht zu haben. Aber ich freue mich gleichzeitig, dass ich die Fotos betrachten kann und dabei nicht mehr vor Ort sein muss. Ja, mag sein, dass das eine krasse Aussage fuer mich ist, wo ich doch sonst immer auf Entdeckertour bin. Vielleicht in ein paar Jahren wieder. Fuer jetzt reichts erstmal.